festival contre le racisme 2015

Lieber spät als nie wollen wir euch auch dieses Jahr zu dem nun zum 9. Mal stattfindenden festival contre le racisme (fclr) einladen. Dieses Jahr haben wir uns auch mal etwas Neues ausgedacht und wollen uns im Laufe der fünftägigen Vortragsreihe mit den Zuständen in Bamberg und Umgebung auseinandersetzen. Die Vorträge werden vom 07.06. – 11.06.2015 wie gewohnt im Balthasar stattfinden, mit der Ausnahme, dass ihr an jedem Abend zwei Referent*Innen gegenübersitzen werdet. Das wird in der Praxis so aussehen, dass um 19 Uhr ein Kurzvortrag zu dem Tagesthema stattfindet, der die Situation in Bamberg näher beleuchtet oder einfach Vergangenes zusammenfasst. Es folgt um 20 Uhr ein an das zuvor Gesagte anschließender Vortrag, der an die zuvor vorgetragene Problematik theoretisch anschließt. Wir erhoffen uns daraus, ein funktionables Zusammenspiel unserer täglichen Erfahrungen mit theoretischen Denkmustern bieten zu können und freuen uns auf dieses Experiment. Natürlich wird es auch dieses Jahr wieder ein antirassistisches Fußballturnier und ein Konzert geben. Das Fußballturnier wird am Sonntag noch vor dem ersten Vortrag das diesjährige fclr eröffnen, welches am Freitag den 12.05. durch das Abschlusskonzert in der Innenstadtmensa endet. Das Konzert beginnt voraussichtlich um 21 Uhr.

Hier eine kleine Übersicht über den Ablauf für das festival contre le racisme 2015:

Sonntag, 07.06 ab 12 Uhr: Antirassistisches Fußballturnier

Auf dem Feki-Sportplatz der Uni Bamberg
Teamgröße: 6 + 1 Spieler*innen
Beginn: 11.30 Uhr
Teamanmeldung unter: antirarefbamberg@gmx.de

Sonntag, 07.06: „NSU und die aktuelle Neonaziszene – ihr Terror, ihre Konzepte, ihre lokalen Aktivitäten“ von Robert Andreasch
Dreieinhalb Jahre sind vergangen, seit sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) im November 2011 selbst enttarnte. Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht, in Recherchen und Untersuchungsausschüssen wurde seither versucht, mehr Erkenntnisse zu gewinnen: was der NSU denn gewesen ist, wer ihm zugerechnet werden muss und wer alles zu den Unterstützer_innen zählt. Die Ansicht der Bundesanwaltschaft, der NSU sei ein isoliertes, abgeschottetes Killer-”Trio” gewesen, konnte sich nicht durchsetzen. Robert Andreasch spricht über die Netzwerke des militanten Neonazismus in Deutschland, in denen sich der NSU bewegte. Viele Neonazis halfen dem NSU ganz konkret, beim Untertauchen, Wohnen, mit Geld, aber auch bei Ausspähungen und mit Tatbeiträgen. Die deutsche Neonaziszene hatte sich in den 1990er Jahren noch einmal deutlich radikalisiert. Eine Reihe von terroristischen Anleitungen und militanten Organisierungskonzepten (z. B. “Führerloser Widerstand”) wurden nicht zuletzt durch internationale Neonazinetzwerke wie “Blood & Honour” in Deutschland verbreitet. Waren diese Blaupausen für das Handeln des NSU?

Robert Andreasch arbeitet seit fünfzehn Jahren als Fachjournalist über die extreme Rechte in Süddeutschland. Für die „Antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München“ (a.i.d.a. e. V.) und die bundesweite Initiative „NSU-watch“ beobachtet er die Verhandlungstage im ersten „NSU-Prozess“ vor dem Münchner OLG. Im April 2015 wurde er als Sachverständiger in den NSU-Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags geladen.

In dem davor stattfindenden Kurzvortrag wird sich der Stadt Bamberg und ihren Nazis in Hinblick auf aktuelle Aktivitäten und Unterstützer*innen für den NSU gewidmet.

Montag, 08.06: Religionskritik als Entzifferung menschlicher Projektionen
Das Zeitalter der „Aufklärung“ ist längst Geschichte, und doch sind die „Fundamentalisten“ in den „Weltreligionen“ auf dem Vormarsch. Wenn auch die Masse der Gläubigen der großen Weltreligionen nicht mehr allzu viel glaubt, entwickelt eine Vielzahl von Menschen doch religiöse oder spirituelle Bedürfnisse und lebt sie verschiedenartig aus. Mit dem deutschen Philosophen und Hegel-Schüler Ludwig Feuerbach kam es zu einer wichtigen Änderung in den religionskritischen Argumentationsmustern. Es ging von da an nicht mehr um die Wahrheit oder Unwahrheit von Offenbarungen oder Dogmen, sondern um die Entzifferung ihres menschlichen Sinns. Marx hat diese neue Religionskritik umgemünzt in die Kritik einer unmenschlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit, Freud hat sie aufgegriffen für die Heilung seelischer Leiden.
Das Eintreten für die konsequente Trennung von Kirche und Staat und für säkulare politische Institutionen ist nur die halbe Miete. Indirekt und unbewusst ist religiöses Bewusstsein immer auch der Protest gegen eine unmenschliche gesellschaftliche Wirklichkeit. Darum stellt sich die Frage, wie dieses Potenzial in einem emanzipatorischen Sinne mobilisiert und gegen dem Faschismus vergleichbare irrationale und unmenschliche Ideologien werden kann.

Manuel Kellner hat in seiner Einführung in die „Kritik der Religion und Esoterik. Außer sich sein und zu sich kommen“ (in der theorie.org-Reihe des Schmetterling Verlags) diese Frage gestellt. Er wird mit uns darüber diskutieren und einleitend zeigen, woran die religionskritischen Ansätze kranken, die hinter Feuerbach, Marx und Freud zurückfallen.

Der Kurzvortrag wird den Fokus auf die Rolle Bambergs bei der mittelalterlichen Hexenverbrennung legen.

Dienstag, 09.06: “Kulturkritik und Gesellschaft” von Roger Behrens
Die Kulturkritik ist Teil der Kultur, die sie kritisiert. Sie ist – anders als Gesellschaftskritik, die eher progressiv auf Veränderung, Reform oder sogar Revolution hinaus will – konservativ: Kulturkritik wünscht sich Vergangenes zurück, setzt auf Tradition – und das häufig auch dann und dort, wo sie, etwa als politische Popkritik für Erneuerung und Verbesserung plädiert und das Alte, Schlechte, Heruntergekommene überwinden will. Indes: Je mehr die Kultur – in ihrer ganzen Vielfalt und Allgegenwärtigkeit – dazu tendiert, »selbstverständlich kritisch« und »selbstkritisch« zu sein, um so altbackener, antiquierter und verschrobener wirkt die Kulturkritik, zumindest in ihrer klassischen Form als Teil bürgerlicher Selbstverständigung. Dagegen haben sich im Pop selbstreferentielle Formen der Kulturkritik etabliert, bei denen es nicht mehr um »Kultur an sich« geht, sondern um partielle Lebensweisen, Haltungen, ja: einerseits um Moden und dazugehörige Geschmacksurteile (Geschmacksidentitäten, Geschmackssicherheiten etc.); andererseits um Strategien der »Selbstoptimierung«. »Kritik« wird damit in die »Kultur« implementiert, überdies wird das »kritische Bewusstsein« soweit in die Gesellschaft integriert, dass es jede Radikalität verliert.

Der auf Bamberg bezogene kulturkritische Kurzvortrag wird von Mitgliedern des KONTAKT-Teams übernommen.

Mittwoch, 10.06: “Kritik am Arbeitsfetischismus” von Stephan Grigat
Fast die gesamte Gesellschaft klammert sich an die Sklavenparole „Die Arbeit hoch!“ Statt Reichtum für alle will man die gerechte Verteilung des Elends. Ob linke Globalisierungsgegner, christliche Sozialethiker oder faschistische Produktivitätsfanatiker: Helfershelfer bei der Rettung der Arbeit soll der Staat sein, der den zügellosen, nicht dingfest zu machenden Marktkräften den Betrug an der „ehrlichen Arbeit“ verunmöglichen soll. Statt Gesellschaftskritik zu üben werden Ressentiments geschürt. In dem Vortrag soll verdeutlicht werden, was solch ein Bewusstsein mit dem Antisemitismus zu tun hat und wie es sich im Alltagsverstand und der Populärkultur – etwa in Filmen wie „Animal Farm“ oder „Pretty Woman“ – niederschlägt.
Das Thema des Kurzvortrags wird sich thematisch grob an die des Hauptvortrags anlehnen und regionale Kritikpunkte aufzeigen.

Donnerstag, 11.06: “Demokratischer Rassismus bei PEGIDA und Anti-PEGIDA” von Felix Klopotek
Pegida ist grandios gescheitert. Dies Urteil scheint kontrafaktisch, schließlich sind auch nach der Spaltung der Bewegung und dem Abflauen des medialen Interesses immer noch Tausende auf Dresdens Straßen gewesen. Aber die Bewegung hat es nicht vermocht, aus ihrem Schwung und ihrem Mobilisierungspotential jene kritische Masse zu formen, die nötig ist, um das Ereignis aus seiner lokalen oder szene-fixierten Borniertheit herauszukatapultieren.

Das ist derweil einer anderen Bewegung gelungen: Anti-Pegida. Der Protest gegen die so weltfremden wie paranoiden Sachsen war nur für die berühmte »logische Sekunde« ein linker, blitzschnell wurde er von der Mitte der Gesellschaft adaptiert und war das Ticket des triumphierenden weltoffenen, sozial engagierten Liberalismus. Dabei ist doch dieser weltoffene, sozial engagierte Liberalismus ganz offensichtlich auf dem Rückzug: weder die NSA-Enthüllungen noch die verhinderten Enthüllungen der Skandale rund um die NSU-Mordserie scheinen die Öffentlichkeit wirklich berührt zu habe. Verwundert verzweifelt schaut ganz Europa auf das mächtige Lummerland in seiner Mitte, das von keinerlei sozialem Protest und kritischem Bürgerengagement angekränkelt zu sein scheint – es sei denn, es geht gegen die rassistischen Spießer aus Dresden.

Pegida und Anti-Pegida – das sind zwei gegenläufige Bewegungen: die einen haben zahlenmäßigen Erfolg und sind gescheitert; die anderen vertreten einen durch so gut wie nichts mehr gedeckten Bürgersinn … und triumphieren. Man kann sagen, dass sich beide Bewegungen gegenseitig in der Balance halten, weil sie, jeweils aus einem anderen Blickwinkel, auf das selbe demokratische Gemeinwesen fixiert sind: Ein Gemeinwesen, das laufend gesellschaftliche Ausschlüsse und Diskriminierungen produziert und das sich gleichzeitig als Heilmittel gegen diese Ausschlüsse und Diskriminierungen setzt und anpreist; das als permanent bedroht gilt (durch Zuwanderung und Auflösung der nationalen Identität) und das permanent selbst als Bedrohung fungiert; das knallharte Grenzziehungen praktiziert und – nicht nur an seinen Rändern – eine Zero-Tolerance-Politik praktiziert und das sich als tolerantestes, aufgeklärtetes Gemeinwesen aller Zeiten inszeniert.

Um die paradoxen Voraussetzungen und Resultate der Bewegungen Pegida und Anti-Pegida in den Griff zu bekommen, muss man zu ihrem gemeinsamen Bezugspunkt vorstoßen, von dem beide nicht reden (können), der aber immer schon anwesend ist – und das ist der ganz ordinäre demokratische Rassismus dieser Nation.

Die Bamberg nahen PEGIDA-Ableger und ihre Unterschiede zu der PEGIDA-Bewegung in Dresden werden Teil des Kurzvortrags sein.

Alle Kurzvorträge beginnen um 19 Uhr, die anschließenden Vorträge um 20 Uhr.
Alle Vorträge finden wie gewohnt im Balthasar im Balthasargäßchen 1 in Bamberg statt und sind kostenlos.

Freitag, 12.06. ab 21 Uhr: Abschlusskonzert
Ort: Innenstadtmensa
Beginn: 21 Uhr
Bands: Björn Peng und weitere (Infos folgen)

Einlassvorbehalt zu allen Veranstaltungen des festival contre le racisme 2015

Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisation angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtenden Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

Das vom AStA Bamberg und dem Referat für Antirassismus und Antifaschismus der Studierendenvertretung der Uni Bamberg organisierte festival contre le racisme wird in Kooperation mit der Petra-Kelly-Stiftung veranstaltet.